Wenn die Sonne anfängt sich immer öfter hinter Wolken zu verbergen; Wolken, die dunkler werden und beginnen, den Himmel zu überwuchern.

Wenn das Barometer fällt und der Wind beginnt, sich an den Isobaren des nahenden Tiefs auszurichten.

Wenn als Vorboten der kommenden Zeit die ersten Wellen der Dünung beginnen, sich aus ihrem wiegenden Gleichtakt auszulösen und anfangen, sich aufzusteilen.

Und wenn dann zuletzt, oder zum Anfang, der Wind fast erstirbt, bevor er mit einem neuen, drohenden, Klang verstärkt wieder beginnt zu wehen.

Dann weißt du im Inneren, was kommt. Hoffst noch auf ein Vorübergehen. Aber sie fängt an.

Sturmfahrt.

Und aus den vertrauten wiegenden Bewegungen des Schiffes unter dir wird mehr und mehr ein Aufbäumen. Verhalten zuerst noch, doch immer mehr verschwinden Technik und Ausgewogenheit und die Überlegenheit des Menschen hinter den Bewegungen, die die Natur aufzwingt.

Der Wind nimmt weiter zu und verliert seine Unregelmäßigkeiten. Schon jagen die ersten weißen Kämme über die See. Vorwärtsstürmend fangen die Wellen an zu brechen und schäumen freudig auf, wenn sie sich zerstören um der folgenden mehr Kraft zu geben.

Schon beginnt der Wind den Schaum zu ordnen und ihn in weißen Streifen anzeigen zu lassen, von wo er kommt, der jetzt die Herrschaft übernimmt.

Und verschwunden ist das Wiegen der See und die sanften Bewegungen des menschenbesetzten eisernen Monstrums. Krümel ist es geworden, preisgegeben den Mächten der Natur.

Und zitternd steigt es am nächsten Wellenberg empor, und du weist nicht, ob aus Angst oder aus Freude.

Und ächzend sinkt es hinab in das nächste Tal.

Und wenn nun der Gischt anfängt, das Schiff einzuhüllen in seinen fliegenden Regen, dann ist es soweit.

Sturmfahrt.

Sturmfahrt Chemtrans Capella

Und im ganzen Schiff beginnt es zu klappern. Alles war festgelascht, gesichert?

Was fragt die Natur danach, ob du etwas sicher weist, sie hat ihre eigenen Regeln.

Und langsam wird aus dem Hinabtauchen in die tiefer werdenden Täler ein Aufprall.

Und schäumend und, wie es scheint, triumphierend steigt die See über die Back an Deck und zeigt in ihrem grünen und weißen Aufleuchten, was sie von dem Spielzeug der Menschen hält, daß sie es ihrem Reich hinzurechnet.

Und das Schiff beginnt sich zu neigen, rollt in der See.

Nüchterne Zahlen: Neigungswinkel 25º, Rollzeit 9,5 sec.

Ein Taumeln ist es auf den Kämmen der Wogen.

Sturmfahrt.

Und drohend rückt der Himmel näher. Jagende schwarze Wolken senken sich immer dichter über das Schiff.

Und du weist nicht, ob nicht das nächste Mal, wenn das Vorschiff hinaufklettert auf den Kamm der Woge, die Höhe nicht ausreicht. Ausreicht, um den Mast in die regenschwangeren Bäuche der Wolken zu treiben und das Schiff zu ersäufen in herabstürzenden Fluten. Zu bedecken mit Wasser, während es versucht, auf dem Wasser zu bleiben.

Und der Sturm ist da, beginnt zu heulen und in tiefen, den Körper zum Vibrieren bringenden, Tönen zu orgeln. Und die Orgel des Sturms spielt nicht Zuversicht. Hoffen mußt du alleine.

Sturmfahrt.

Und das Schiff tanzt in der See wie ein nutzloses Stück Korken. 4.000 Tonnen Stahl und Ladung und ein paar Menschen. Ein Nichts im Wind, in der See, von der inzwischen jede Welle ausreicht, das Schiff zu verschlingen.

Und du darfst nicht nachdenken, nachdenken über die freigesetzten Gewalten. Sie sind zu groß um faßbar zu sein. Und da Schiff verschwindet in der Relation in der Bedeutungslosigkeit.

Sturmfahrt.

Und du kannst nicht mehr denken. Nicht mehr darüber hinaus, wie du die nächste Welle überstehst, ohne von den Beinen gefegt zu werden. Der Boden ist nicht mehr unten, er ist überall.

35º holt sie über.

Und manchmal, in kleinen Augenblicken der Besinnung, fragst du dich, ob nicht das Schiff gleich aufgeben wird. Die nächsten paar Grade auch noch überholen und den Bauch nach oben strecken wie ein toter Fisch. Und du vergißt schnell wieder, was du gedacht hast. Denn mit der Angst kannst du nicht leben.

Nicht hier, bei Sturmfahrt.

Und wieder hebt sich der Bug zum Himmel. Als wollte er das Heck besuchen.

Capella Bug aufwärts

Und dann fällt er.

Und unter ihm ist nichts.

Und erst ganz da unten ist wieder Wasser.

Und so stürzt der Bug hinab. Wird schneller und schneller. Und vor dem Bug steigt schon die nächste Welle empor. Steigt über den Mast.

Und dann prallt der Bug ins Wasser.

Das Schiff steht.

Zu hören ist nur noch ein schmetternder Schlag.

Und immer noch steigt die nächste Welle heran. Und steigt höher.

Und dann beginnt das Schiff zu zittern. Und in den Aufbauten ist es nicht mehr das schnelle, fast ängstliche, Zittern wie vorher.

Die Aufbauten schwingen.

Schnell, nur wenige Zentimeter, aber erbarmungslos.

Und während vorne die nächste Welle immer noch heransteigt, stürzt die See an Deck.

Und alles verschwindet unter eiligen schäumenden Massen von Wasser.

Capella taucht ab

Sturmfahrt.

Und endlich beginnt der Bug sich zu heben. Fast zögernd scheint es, als wolle er sich den Gewalten schon ergeben.

Aber dann steigt er wieder auf. Klettert auf die nächste Welle empor, die kurz vorher noch drohte, das Schiff zu verschlingen.

Steigt hinauf und zeigt, daß hinter diesem Berg wieder Nichts ist.

Steigt, zögert kurz auf dem Gipfel und beginnt sich dann wieder zu senken, zu stürzen.

Sturmfahrt.

Und mit dem Wind kommen jetzt Wolken, die in der Gewalt nicht mehr dicht gehalten haben.

Und dann fällt ein Regen, bei dem du nicht weißt, ob du über oder unter Wasser bist.

Und der Regen fällt nicht, er fliegt. Fast waagrecht prallt er an die Scheiben und läßt die graue, drohende Außenwelt hinter Wasserschlieren verschwimmen.

Und du weist nicht mehr, was Oben und Unten ist.

Sturmfahrt.

Und Tage geht es so.

Die Menschen sind zermürbt.

Denn wer soll schlafen, wenn das Bett sich schlimmer bewegt als eine Achterbahn auf dem Rummel?

Wer soll genügend essen, wenn man, festgeschnallt an der Back, die Teller nicht mehr füllen kann, weil sich nichts in ihnen hält?

Und wer soll hoffen, daß es sich noch ein mal ändert?

Die Sturmfahrt fängt an, Menschen zu zerbrechen.

Sturmfaht Rolling home

Und irgend wann einmal kommt ein neuer Ton in das Orgeln des Orkans. Es wird heller. Die Luft wird kälter und prallt nicht mehr drohend auf das Schiff.

Und irgendwann, der Himmel hellt sich schon eine Weile, bricht plötzlich ein Sonnenstrahl in die graugrüne Welt des Sturms. Verloren zwar, aber vorhanden.

Und du fängst wieder an zu hoffen.

Und dann reißt der Himmel auf. Leuchtend blau in strahlendem Sonnenschein Himmel und See. Blendendweiß gischende Wogen. Und es gefällt die

Sturmfahrt.

Und dann dreht der Wind, schwächt sich ab.

Die See beruhigt sich.

Und es wir alles wieder, wie es vorher war.

Und du sagst: Sturmfahrt, ja, hatten wir auch.

Wie war’s?

Wie immer, aber es geht ja vorbei.

Und der Mensch vergißt so schnell.

Sturmfahrt, manchmal doch ein Erlebnis, das prägend wirkt auf die Gedanken, die die Überheblichkeit der Menschen produzieren.

Und die geht nie vorbei.

In Erinnerung an die Orkanfahrt vom 1. bis 4. Oktober 1981, Chemtrans Capella,

Finstere – Straße von Dover.

Alle Bilder: MolGugge