Irgendwo anzukommen, wo man noch nie war, ist immer etwas Besonderes. Und manchmal prägt sich eine solche Ankunft ein.

Ich hatte es geschafft.

Aus einem kleinen Dorf, irgendwo in einem bayerischen Mittelgebirge, hatte ich mich aufgemacht, um zur See zu fahren. Ich wollte Kapitän werden. Und war dafür gerade von Leuten, die es besser wissen, wie zum Beispiel Lehrern, nun, nicht ausgelacht aber doch zumindest mitleidig belächelt worden.

Angefangen hatte es schon über ein Jahr vorher, als ich während der letzten Schulferien als „Ferienfahrer“ auf einem Kümo, der „Hannes Fesefeldt“ durch die Ost- und Nordsee geschippert war. Nach Leningrad, wo unser kleines Schiff plötzlich von Kreuzern und Zerstörern bewacht wurde, dort auf der Reede vor Kronstadt. Und wir hatten gar nicht mitbekommen, dass nicht eigentlich wir der Grund waren, sondern Panzer, die in diesem August in Prag rollten. Dann nach England, wo alle Leute Englisch sprachen, was ich doch schon Jahre in der Schule gelernt hatte, und trotzdem kaum zu verstehen waren, und nach Holland, und dann vom Nord-Ostsee-Kanal, Schleuse Brunsbüttelkoog, aus wieder nach Hause.

Nach dem stolzen Realschulabschluss hatte ich dann gearbeitet, um das Geld für die Seemannsschule zusammen zu bringen. Sozusagen die vorgelagerte Berufsschule mit Internatsunterbringung, dort am Falkensteiner Ufer in Blankenese.

Und nach einem Besuch zu Hause, über Weihnachten, dann Anfang Januar das erste Mal auf ein großes Frachtschiff. MS Karonga, „Schulschiff“ der Woermannlinie, der Deutschen Afrika Linie.

Alles war neu, fremd, ungewohnt.

Das Leben auf einem Schiff, zusammen mit lauter Fremden, die jetzt Kollegen und gleichzeitig Mitbewohner waren.

Wachdienst im Hafen und auf See. Und auf See auch noch im Dreiwachensystem, also 4 Stunden Wache. Dann 8 Stunden frei oder andere Arbeiten oder Unterricht. Dann wieder 4 Stunden Wache, 8 Stunden Frei, und immer so weiter. Ich hatte die 4-8 Wache erwischt. Also von 4 bis 8 Uhr Wache, dann von 8 bis 16 Uhr Tagesdienst und von 16 bis 20 Uhr wieder Wache.
Wir klapperten die Nordwestküste Europas ab. Hamburg, wo ich an Bord gegangen war, dann Bremen, Amsterdam, Antwerpen, Dünkirchen, Rouen, Le Havre.
Und dann begann die Überfahrt.
Die alten Fahrensleute erzählten uns Neulingen, was alles Schlimmes auf uns zukommen würde. Im Winter durch die Biskaya. Jederzeit droht ein Sturm. Aber es bleib weitgehend ruhig. Daran, dass sich plötzlich der ganze Lebensbereich unaufhörlich bewegte, dass das Schiff rollte und stampfte, hinter Allem immer das ferne Dröhnen der Maschinen lag, daran gewöhnte man sich.

Nach dem Kap Finisterre passiert war und der Kurs sich entlang der spanisch/portugiesischen Küste nach Süden richtete, verschwand langsam die winterliche Kälte. Es wurde wärmer.

Von Finisterre aus hatten wir, draußen vorbei am Cabo de São Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, Kurs auf den westlichsten Punkt von Afrika gesetzt. In Richtung Cabo Verde.
Und auf der Fahrt verschwanden langsam immer mehr die Wolken, die Sonne gewann an Kraft, und auf ein mal konnten wir mitten im Januar ohne Jacken oder Sweater an Deck arbeiten.
Schon fremd, für so ein verschüchtertes Landei aus der Provinz, kann ich da nur sagen.
Und rund um uns war nur Wasser und Himmel, Horizont und Wolken. Und gelegentlich mal ein Schiff in Sichtweite, denn immerhin befuhren wir ja doch eine der Hauptrouten des Welthandels. Und dazu kamen von links und rechts, nein, jetzt hieß es ja von backbord und steuerbord, andere Schiffe auf dem Weg zur Straße von Gibraltar und zum Suezkanal oder aus dem Mittelmeer in Richtung quer über den Atlantik, vielleicht Richtung Panama, oder nach Norden, oder nach Süden.
Land war inzwischen weit weg.

Und nach ein paar Tagen näherten wir uns dann dem Cabo Verde, dem grünen Kap. Die Maschinen wurden um einige Umdrehungen zurückgenommen, die ganze Geräuschkulisse änderte sich.
Der Maschinenbetrieb wurde von Schweröl, genannt Marinediesel, und nur flüssig, wenn es hoch genug erhitzt wurde, umgestellt auf Diesel.

Auf der Brücke wurde das Radargerät ständig besetzt, der Ausguck verstärkt. Denn wir nährten uns wieder Land, suchten nach Cabo Verde (ja, so richtig mit Fernglas und Radar, weil so etwas wie GPS gab es nicht). Und dabei näherten wir uns langsam immer mehr dem Land an. Zu sehen war erst mal nichts, die Küstenlinie lag noch unter dem Horizont. Und dann wurde es dunkel, was das Sehen auch nicht erleichterte. Und trotzdem fing sich nicht nur die Bewegung des Schiffes an zu ändern, wurde kürzer in den Perioden, sondern auch die Luft begann sich zu ändern, enthielt wieder zumindest Spuren vom Geruch nach Land. Und manchmal war die frische Seeluft vermischt mit wärmeren Spuren, die Wolken von fremdem Geruch mit sich brachten, und Staub. Aber nur dünn. Merkbar, aber nicht dominierend.

Endlich konnte das Kap Verde im Radar ausgemacht werden, so auf etwas über 30 Meilen Abstand. Damit war die genaue Position gesichert, und die Offiziere peilten das Schiff ein, übertrugen die Ergebnisse in die Karte.
Und es wurde über UKW Kontakt aufgenommen, Kontakt mit dem Habourmaster von Dakar, mit der Pilotstation, das ETA abgestimmt und angepasst, erste Informationen über Einlaufen, Liegeplatz, Arbeitszeiten ausgetauscht.

Und jetzt tauchten auch die ersten mit dem bloßen Auge zu sehenden Lichter auf, zeichneten eine Küste. Meist orange Lichter von Straßenlaternen und Scheinwerfern, Natriumdampflampen, schon wieder fremd für mich. Gelegentlich sah man dann die Scheinwerfer von Fahrzeugen hoch über dem Wasser dahinhuschen, wahrscheinlich Autos auf Straßen oben in den Hügeln. Und manchmal loderten auch Flammen auf, dort an der dunklen Küste.
Dann umrundete die Karonga das Kap Verde, drehte nach backbord, richtete den Bug in Richtung der jetzt auftauchenden Lichter der Großstadt.

Bild von Vincenzo Fotoguru Iaconianni

Skyline von Dakar – von Gorée her gesehen

Die Maschine wurden ruhiger, das Schiff langsamer.
An Steuerbord glitt der Schatten, glitten die Lichter der Insel Gorée vorbei.

Picture taken by Serenade in september 2004

The harbor of Gorée Island.

Festungsinsel der Portugiesen, Holländer, Engländer und der Franzosen. Ehemals berüchtigt als „Sklaveninsel“, von wo aus die gesammelten Sklaven nach Amerika verschifft worden sein sollten, was aber wie man heute zu wissen glaubt, höchstens ein unbedeutendes Nebengeschäft war.
Beim Passieren von Gorée kamen wir dann in den Windschatten des Kap Verde, der ständige Seewind aus Richtung Norden wurde abgeschnitten.
Unser Dampfer verlangsamte immer mehr. Eine Motorbarkasse kam näher, der Lotse kam an Bord, lotste uns in Richtung der Kaianlagen.

Klar vorne und achtern, alle auf die Festmacherstationen. Festmacherboote kamen, holten die schweren Kunststoffleine, schleppten sie an Land, wo sie über die Poller gelegt wurden. Und die Wischen drehten sich, zogen die Karonga Richtung Pier, hielten sie dort fest. Die restlichen Leinen wurden ausgebracht, die Springs festgehievt und belegt. Die Gangway ausgebracht.

Picture taken by MolGugge

Die Gangways der Karonga sind an Land

Und da erst fiel mir damals auf, dass ich mich plötzlich in einer anderen Welt befand.

Es roch, wie es noch nie gerochen hatte.
Nach Wüste und Stadt, nach Staub und nach Rauch, nach Fisch und Tang und gleichzeitig nach heißem Öl und laufenden Maschinen. Es roch nach Gebratenem und Abfall. Die Luft war plötzlich irgendwie dick geworden. Heiß und schwül und still. Staubgeschwängert. Voll von fremden Geräuschen, fremdem Stimmen in fremden Sprachen. Durchklungen von fremder Musik und von Trommeln. Ja, wirklich, nicht Klischee von Afrika, Tatsache. Es dröhnten Trommeln in exotischen Rhythmen.
Und in das Konglomerat der Gerüche mischte sich dann noch Duft von fremden Blumen und Bäumen, erdig, süß, schwer, bitter, würzig und, na ja, einfach fremd.

Und an der Pier standen immer mehr Menschen.
Offizielle, wie Zoll, Immigration, Gesundheitsdienst, Harbourmaster,…
Mitarbeiter der Agentur für das Schiff, der Agent, seine Helfer, Tallyleute und Vormänner.
Und dahinter, meist sitzend oder liegend auf irgend welchen herumliegenden Teilen, Kartons, Paletten, manche mit einem kleinen Feuer an dem sie sich wärmten, schlafend, palavernd, teils auch singend, fast schon Hunderte von Schauerleuten in abenteuerlichen Aufzügen, die darauf warteten an Bord zu gehen und zu beginnen, die für Dakar bestimmte Ladung zu löschen.

Und dazwischen erste Händler. Mit Obst, mit Fleischspießen, mit Trommeln, Masken, Ketten, Messern und Speeren, aufgeregt ihre Waren anbietend an die Seeleute, die damit beschäftigt waren, noch verschiedene Arbeiten zu erledigen.

Picture taken by MolGugge

Mobiler Händler mit Souvenirs im Hafen von Dakar – Senegal – 1970

Und damals, in diesem Moment, hatte ich dann realisiert, dass wirklich ein neues Leben angefangen hatte. Das war nicht irgendwo. Ich war jetzt in Afrika, auf einem fremden Kontinent, in einer fremden Welt.

Der erste Landfall an einem fremden Kontinent hatte sein Ziel und ein Ende gefunden.

Später gab es noch viele Ankünfte. Überall auf der Welt. Jede war anders, eigen. Und doch zumindest ähnlich.
Und jede Ankunft hat mich immer wieder an diese aller erste Ankunft in einer fremden Welt erinnert, und mich wieder berührt.