Es war irgendwann im Frühjahr 1976. Ich war zu Hause. Wartete auf einen Einsatz. Und dann kam plötzlich ein Telegramm, alles ist umgeworfen, sofort erst nach Hamburg fliegen, was mitnehmen und dann nach New York.

Also ging ich notgedrungen auf die Reise, lies mich vom Agenten am Kennedy Airport abholen und zum Liegeplatz nach Newark fahren, zum Dienstantritt auf der Heide Leonhardt. Dort angekommen wurde ich von einem etwas zerknatscht, verkatert und todunglücklich aussehenden WO (Wireless Operator – Funkoffizier) in Empfang genommen und eingecheckt. Unbeliebt machte er sich dann auch noch, denn weil gerade ein ganzer Schwung Besatzungsmitglieder zur Pockenschutzimpfung gekarrt wurde, musste ich einfach auch mit. Es schade ja nicht, meinte er. Ach ja, er selbst ging nicht impfen. Mir tat ja nur der Arm weh.

Von New York aus ging es dann in Richtung Persischer Golf, durch den Suezkanal, der noch gar nicht lange wieder offen war und an dessen Ufer noch überall die Spuren des Krieges, zerschossene Stellungen, abgeschossenen Flugzeuge und ausgebrannten Panzer standen. Auf der Überfahrt lernte ich dann langsam unseren Funkoffizier etwas besser kennen. Ein bisschen seltsam war er schon. Mal nett und fröhlich. Mal verschlossen, abwesend, traurig. Aber mit der Zeit kam heraus, dass ihm etwas passiert war, was jedem Seemann mal passiert, er hatte sich verliebt, maßlos verliebt, und war dann doch wieder mit der Heide abgereist aus Vera Cruz, hatte seine Linda zurückgelassen. Und das hatte ihm das Herz zumindest angebrochen. Vor allem, weil er auch wusste, dass trotz aller gegenteiliger Schwüre und Pläne ein Wiedersehen wohl nicht stattfinden würde. Und dabei machte ihm dann der Chiefsteward auf der Heide auch noch ein schlechtes Gewissen, der seine Olga in Nicaragua liebte und sie auch wieder besuchen wollte, ganz sicher.

Ach ja, der ehemalige Chiefsteward ist noch immer mit der Olga verheiratet, dort unten in Niederbayern.

Und unser Funkoffizier litt. Wanderte in seiner Seelenpein oft nach Feierabend zwischen der ganzen Deckslast nach vorne auf die Back, schwer auf einen Knotenstock gestützt, ganz nach Vorne, und stand alleine dort und sah über das weite Meer. Lange vor dem Film Titanic, und ganz ohne Musikuntermalung.

So begleitete er mich und das Schiff durch all die Häfen im Persischen Golf, über den Indischen Ozean, nach Malaysia und dann nach Singapur, wo er abgelöst wurde und in Richtung Heimat flog.

Ich habe ihn nie wieder getroffen, aber wir blieben noch eine Weile in Kontakt, schrieben uns Karten aus aller Welt.

Dann hat sich mit der Zeit mein Leben völlig geändert, ist neue Wege gegangen. Aus der Zeit damals habe ich kaum noch Kontakte. Und die wenigen, die es noch gibt, sind seltsamerweise alles Crewmitglieder der Heide Leonhardt, von genau dieser Fahrt. Darunter auch der damalige Chiefsteward.

Vor rund 3 Jahren saß ich wieder mal am Schreibtisch und ärgerte mich über die Dummheit mancher Menschen. Konnte das Alles nicht mehr ertragen und leistete mir eine meiner „kleinen Fluchten“. Ich stöberte im Internet mit Begriffen aus meiner Vergangenheit. Unter anderem auch mit meinem damaligen Schiff, der Heide Leonhardt. Und bekam als eines der Ergebnisse einen Blog geliefert, einen Blog mit dem seltsamen Namen „Club der halbtoten Dichter“, betrieben von einem Neobazi, der auch als Opa Edi angesprochen wurde. Und der aus seinem früheren Leben berichtete, unter anderem. Und das mit Bildern, Filmen, Musik unterlegte und kein Blatt vor den Mund nahm in seinen Berichten. Und ich erkannte sehr schnell in diesem Seeblogger meinen alten Funker, Karl Eduard Henn.

Wir haben dann auch Kontakt aufgenommen, und obwohl seit unserer doch relativ kurzen Begegnung rund 30 Jahre vergangen waren war es, als wären schon immer, oder immer noch, in Kontakt.

In den folgenden Monaten war ich Dauerleser seines Blogs, schnell auch aufgenommen als Mitschreiberling, immer wieder mit hoffentlich nicht bösen Kommentaren vertreten und auch schnell von den vielen regelmäßigen Nutzern im Cafe Sperrmüll akzeptiert, meine ich jedenfalls. Und der Club der halbtoten Dichter war ein Blog wie man ihn selten findet. Es gab kaum mal etwas oberflächliches, die Themen waren sehr weit gespannt. Herr im Haus war Opa Edi, ohne dass er jemals was in dieser Richtung sagte oder sagen musste, und in all der Zeit gab es keinen einzigen Kommentar, keine Bemerkung, keine „Spitzfindigkeit“, die nicht von jedem mit unterschrieben werden konnte. Also nicht, dass es da immer nur EINE Meinung gab, bei Gott nicht, aber der Ton macht die Musik, und diese Musik war beim Neobazi sehr angenehm.

Opa Edi, der damals noch im Nuttenturm in Hamburg an der Reeperbahn lebte, zog dann um. Zog zurück an seine Wurzeln, die, wie sich das für einen richtigen Seemann gehört, selbstverständlich am Rande der Alpen lagen. Kehrte heim in das Allgäu.

Von dort lief der Club eine Weile weiter wie gehabt, manchmal ab es kurze Lücken.

Dann wurde er krank, der Neobazi. Schlaganfall . Und erholte sich wieder, brachte während seines Reha-Aufenthaltes ein paar der Pfleger und Helfer dazu, sich auch im Club zu melden. Na ja, eines seiner Pseudonyme war ja auch Papst der Herzen, und wie der Urpapst, wie Petrus, war Karl Eduard Henn ein Menschenfischer.

Heute, den 28.01.2011 ist es jetzt genau 2 Jahre her, dass ich wieder mal meinen Kontrollbesuch beim Neobazi gemacht habe.

Heute vor 2 Jahren ist Karl Eduard Henn, der Seeblogger, Opa Edi, der Neobazi, Papst der Herzen, ….. sanft entschlafen, hat uns alle verlassen und ist schon mal vorausgefahren, über den ganz großen Teich.

Wenn ich ehrlich bin saß ich an diesem Morgen vor dem Computer und hab geheult.

Die Spuren von Opa Edi sind noch immer überall im Netz. Seine Filme stehen unter anderem bei Vimeo und bei Sevenload. In vielen verschiedenen Blogs stehen nach wie vor seine Kommentare. Steht, wie er die Welt sah, ist nachzulesen, dass er ein Mensch in der besten Bedeutung dieses Wortes war.

Ich glaube, nicht nur ich war an diesem Tag geschockt, habe einen Verlust erlitten. Da gab es noch mehr. Manche, die dem auch Ausdruck verleihen haben, und sicherlich noch mehr, die ihn einfach im Gedächtnis behalten.

Und ich wünsche, dass er bei Vielen und lange im Gedächtnis bleibt.

Nochmals ein Lebwohl, und ich schicke ein Stück Musik mit, das irgendwie alle ein ganz kleines bisschen geprägt hat, die sich in der Karibik mal verliebt hatten, sei es nun in eine Linda gewesen, so wie Karl, eine Olga, so wie beim Chiefsteward, oder ganz einfach in eine Luz Marina.

Nachtrag im Mai 2011:
Nun ist es passiert, was zu erwarten war. Der Account des Neobazi bei Sevenload ist leer. Alle Bilder und Videos sind verschwunden. Und wieder ist ein kleines Bisschen der Erinnerung an Karl Eduard Henn verloren. Langsam verschwinden die Spuren, die der Seeblogger im Internet hinterlassen hatte. Das ist schade, denn all die, die ihn nicht kannten werden so auch nicht durch Zufall oder Hinweise noch nachträglich an seinem Leben, an seinen Gedanken, an seiner Vorstellungswelt mehr teilhaben können.
Wer ihn kannte, braucht diese Erinnerungsstützen nicht. Und trotzdem ist es schade, dass auf diese Weise die autobiografische Lebensschilderung dieses Mannes mit all den kleinen, liebevoll zusammengestellten, Beweisstücken wahrscheinlich unwiederbringlich verschwindet.